Demnach fand ich in der Vergangenheit großen Gefallen an den dystopischen Zukunftsvisionen etwa eines Blade Runner,
eines Akira oder eines Dredd mit ihren in grelles Neonlicht gehüllten Mega-Cities und
stets finster bedeckten Himmeln.
Falls ihr diese Welten schon für hoffnungsverschlingend und deprimierend
haltet, dann wartet mal ab, was gleich noch auf euch zukommt: Hier ist Manga Awesome mit
Tsutomu Niheis Blame!
Nur um direkt mal ein paar Kommentaren vorzubeugen
ich weiß, dass man den Namen dieses Mangas Blam oder Buramu oder Bläm ausspricht und nicht Blame.
Das habe ich allerdings erst nach der Aufnahme zu diesem Video hier erfahren,
Daher verzeiht, dass hier ich die ganze Zeit Blame sage.
Bevor es losgeht muss ich direkt mal etwas zu den Manga-Editionen sagen, die ihr hier
zu sehen bekommt, um nicht unnötig Verwirrung zu stiften.
Das hier sind die zehn ursprünglichen Bände von Blame!, die in den frühen 2000ern in
Deutschland vom Egmont-Verlag veröffentlicht wurden.
Das Original-Format wurde gespiegelt, so dass man von links nach rechts liest, statt wie
sonst in Mangas üblich von rechts nach links.
Außerdem wird diese Edition schon lange nicht mehr gedruckt, diese Bände hier habe ich
auf ebay für etwa 85 Euro erstanden.
Aber - und jetzt nicht erschrecken - es gibt diese immens große Neuauflage von Blame!
namens Master Edition.
In insgesamt fünf Bänden wird die Manga-Reihe gerade neu aufgelegt, bis September 2017 sollen
alle Bände erschienen sein.
Der Haken: Diese Ausgabe gibt es nur auf Englisch.
Dieses erste Buch der Master Edition hat uns übrigens der gute Pascal geschenkt - vielen
Dank noch mal dafür und liebe Grüße an dieser Stelle.
Wundert euch also nicht, wenn ihr in diesem Video die alte und auch die Neuauflage zu
sehen bekommt.
So, hätten wir das geklärt, kommen wir zum Manga an sich.
Die ersten zwei Bände von Blame!
waren eine der intensivsten Leseerfahrungen, die ich so hatte, auch über das Medium Manga
hinaus.
Nahezu ohne Worte und nur mit enorm starken Bildern werde ich in eine Welt hineingezogen,
die so wenig greifbar, so immens groß, so abstoßend und doch endlos faszinierend ist.
Und auch wenn sich diese Begeisterung im Verlauf der weiteren Bände ein wenig relativiert,
so hat Blame!
doch allein schon mit seinen geradezu gruseligen Einstiegskapiteln einen bleibenden Eindruck
hinterlassen.
Aber ich sollte wohl erst mal erklären, worum es in dieser Geschichte überhaupt geht.
Was mir übrigens nicht ganz so leicht fällt, denn so hundertprozentig kann ich mir das
selbst nicht beantworten.
Hier sind jedenfalls die Basics: In Blame!
folgen wir einem jungen Mann namens Killy, der im Besitz eines exorbitant mächtigen
Geräts ist: Der Molekül-Schockwellen-Waffe, die meterlange Löcher in nahezu jedes Material
zu reißen scheint und gigantische Explosionen auslöst.
Ohne große Erklärung, ohne ausufernde Exposition beobachte ich Killy beim Durchstreifen merkwürdigster
Gebäude, deren massive Architektur den Gesetzen der Statik zu trotzen scheint.
Der Himmel wirkt unter diesen Megastrukturen unerreichbar, ihre Größe scheint endlos.
Treffen mit anderen Charakteren sind hier nur von kurzer Dauer, Dialoge selten, dafür
gibt es umso mehr gnadenlose und kurios ausschauende Kreaturen, die den menschlichen und manchmal
weniger menschlichen Bewohnern dieses Orts brutal das Leben aushauchen.
Den Sinn dahinter gilt es zu entschlüsseln.
Killys Ziel ist es, Menschen zu finden, die Netzwerk-Gene haben.
Was genau das zu bedeuten hat, was er damit erreichen will, wer er überhaupt ist - tja,
das sind ein paar der großen Rätsel von Blame!
Nicht nur das Wesen und der Auftrag des Protagonisten in Blame!
sind ein wenig rätselhaft, auch viele Konzepte dieser Welt sind mangels eindeutiger Erklärungen
schwer greifbar.
Da wird dann von Netzwerksphären und Downloads geredet, Charaktere existieren in der Realität
aber auch irgendwie virtuell als Daten und irgendwie ist das alles furchtbar verwirrend.
Da helfen dann auch nicht unbedingt die Erklärungen der Charaktere. Ich habe hier mal
ein Beispiel für eine Dialogzeile rausgesucht, die ganz gut illustriert, wie verwirrend das manchmal sein kann.
Hier wird nämlich folgendes erklärt, ich zitiere:
“Das ist ein Turbinenflügel aus Schwerkraftmolekülen der Bausubstanz des Schwerkraftofens.”
…
Das soll übrigens kein reiner Negativpunkt sein - ich mag an und für sich sehr gern,
dass mir Blame!
einen großen Teil seines Story-Puzzles selbst überlässt.
Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass die Ausführungen der Charaktere mein Verständnis
dieser Welt eher hemmen, als es zu verstärken.
Sätze wie der, den ihr gerade gehört habt, tragen ihren Teil dazu bei.
Übrigens eigenartiges Detail: Statt eines standatisierten Fonts scheint die deutsche
Ausgabe eine von Hand geschriebene Schrift zu verwenden, was ich hier auch zum ersten
Mal sehe.
Killys Knarre lässt ihn zu Beginn übermächtig wirken, manchmal wird die zerstörerische
Kraft seiner Molekül-Schockwellen-Waffe aber eingeschränkt, wodurch er im Kampf umdenken
muss.
Außerdem kann ein voll geladener Schuss Killy selbst Schaden zufügen, da der Rückstoß
so immens groß ist.
Da fällt ihm dann schon gern mal der Arm ab, was in diesem Manga irgendwie keine große
Besonderheit ist.
Die Charaktere scheinen nämlich keine Schmerzen zu kennen und oft genug kehren vermeintlich
zerstückelte Feinde oder Freunde durch die eigenartige Natur dieser Welt wieder zurück.
Aber auch nicht zu oft: Ein wirklich langes Leben scheint in dieser von eigenartiger Technologie
beherrschten Welt niemandem garantiert.
Und die “Im letzten Augenblick erscheint der Retter”-Momente gibt es hier kaum und
selbst wenn gehen die zu rettenden Charaktere dann oft trotzdem drauf.
Die akute Dialog-Armut der ersten Bände nimmt im weiteren Verlauf der Geschichte ab, es
tauchen mehr Charaktere auf, die Killy auch mal für längere Zeit begleiten und auch
mein anfängliches Staunen verblasst zumindest ein wenig.
Grund dafür sind sich wiederholende Situationen, ein gefühltes sich im Kreis drehen.
Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft Killy durch eine Explosion, einen Fall
oder einen Schwerthieb eigentlich hätte sterben müssen, das Ganze dann doch überlebt und
oft an einem neuen Ort landet bzw. dort aufwacht, nur um dort mit seiner Quest fortzufahren
und irgendwann dem nächsten abstrakt designten Gegner gegenüberzustehen.
Da gibt es dann manchmal zu viel gleichförmige Action und zu wenig Handlungsfortschritt.
Erzählerisch hat Blame!
also durchaus seine kleinen Tiefen, in denen gefühlt nicht viel passiert.
Visuell werde ich dafür aber auch dann immer noch sehr gut unterhalten, da Tsutomu Nihei
in seinem Debüt-Werk nicht mit fantastischen Panoramen geizt, absurd kreative Kreaturen
in den Kampf schickt und mich immer wieder spüren lässt, wie klein die Bewohner dieser
Welt im Vergleich zu ihrer Umgebung doch sind, wenn er sie mehrere Panels lang still von
einem Ort zum nächsten wandern lässt und mein Blick sich im Horizont der Megastrukturen
verliert.
Auch wenn die Zeichnungen zu Beginn wesentlich sauberer und klarer wirkten, als in späteren
Bänden, wodurch ich oft Panels eine ganze Zeit lang anschauen musste, um festzustellen,
was ich da überhaupt gerade sehe.
Der Stil an und für sich gefällt mir aber - wie ihr sicher schon gemerkt habt - unheimlich
gut.
Ihr werdet sicher ebenfalls gemerkt haben, dass die Charaktere ein bisschen komisch aussehen.
Gesichter wirken oft merkwürdig flach und gleichförmig, Extremitäten langgezogen und
unnatürlich.
Dieses Design passt meines Erachtens wunderbar zu diesem ohnehin so sonderbaren Universum
- selbst vermeintliche Menschen sehen hier irgendwie falsch aus.
Nur die Abwechslung der Mimik könnte ein bisschen größer ausfallen - Killy hat im
Wesentlichen nur einen immer gleichen Gesichtsausdruck.
Mit seinen zehn Bänden hat Blame!
eine recht überschaubare Größe.
Und auch wenn die Geschichte in der Mitte ein paar Hänger hat, so habe ich doch stets
mitgerätselt und wollte mehr über diese Welt erfahren und wissen, ob und
wie Killy sein Ziel erreicht.
Nach allem, was davor kam, hat es mich dann in Band 10 schließlich nicht überrascht, dass
Blame!
ein nunja, sagen wir mal interpretations-offenes Ende findet.
Falls ihr also auf eure zahlreichen Fragen - die ihr nach dem Lesen mit Sicherheit haben
werdet - harte Antworten wollt, wird euch dieser Manga diesen Gefallen nicht tun.
Mich hat diese Ambivalenz jedenfalls so gar nicht gestört.
Viel mehr sorgt es dafür, dass mich Blame!
in Gedanken auch lange nach dem Lesen begleitet.
Was es ja ohnehin schon aufgrund der großartigen Bilder macht.
Im Jahr 2003 endete die ursprüngliche Publikation von Blame!
Das war aber nicht das Ende dieses Universums.
In den Folgejahren erschienen kurze Fortsetzungskapitel, der Prequel-Band Noise und die Parodie Blame!
Academy.
Und über diese Zusatzwerke möchte ich hier auch kurz sprechen, beginnend mit Noise.
Dieses Prequel spielt viele Jahre vor den Ereignissen aus Blame!, zeigt eine noch nicht
ganz so zerklüftete Welt und erzählt die Geschichte der Polizistin Susono Musubi, die
einem gefährlichen Kult auf der Spur ist.
Noise erzählt sich deutlich direkter und es ist wesentlich leichter, der kurzen Story
zu folgen.
Und es ist auch sehr interessant, den Ursprung einiger Elemente aus Blame!
zu erfahren und mehr Kontext für dieses Universum zu bekommen.
Allerdings ist Noise insgesamt zu kurz, um mich wirklich an Charaktere zu binden, um
überhaupt so richtig spannend zu werden.
Es fühlt sich dennoch deutlich vollständiger an als die Zusatzkapitel Net Sphere Engineer
und Blame!²,
die nach den Ereignissen der Hauptreihe spielen.
Dabei handelt es sich eher um Kurzgeschichten und einzelne Szenarien, die teils stark von
dem abweichen, was in Blame!
passiert ist.
Das ist auch ganz cool, aber absolut nicht notwenig und fügt der Erzählung des Originals
wenig hinzu.
Und dann wäre da noch Blame!
Academy, in dem Nihei seine sonst so stoischen, finsteren Charaktere in Schulklamotten steckt
und sich selbst parodiert.
So richtig gezündet hat dieser Humor bei mir allerdings nicht.
Diese Nachfolgekapitel wurden zusammen mit Blame!
Academy als Sammelband veröffentlicht - “Blame!
Academy and so on” nennt sich das Ganze.
So habe auch ich sie gelesen, allerdings nur als eBook.
Mit am interessantesten an diesem Band ist der Kommentar von Autor Tsutomu Nihei ganz
am Ende.
Hier redet er über das Aufkeimen und den Wandel der dystopischen Science-Ficition und
den Moe-Boom in Japan.
Abgesehen davon kann man sich diese Sammlung aber denke ich sparen.
Anime-Adaptionen gab es natürlich auch, allerdings nie in großem Stile. 2003 gab es etwa sechs
kurze Blame!-Episoden, die direkt im Internet als Web-Anime veröffentlicht wurden.
Das größte Animationswerk zu Niheis Dystopie ist Hiroyuki Seshitas Netflix-Film, der zum
Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Manga Awesome-Folge gerade erschienen sein sollte.
Blame!
habe ich insgesamt als wahnsinnig fesselnd und visuell beeindruckend empfunden.
Die Welt, die hier dargestellt wird, ist wirklich atemberaubend in ihrer Größe und ihrer Architektur.
Die Charaktere, die das klassische Menschsein scheinbar schon längst hinter sich gelassen
gelassen zu haben scheinen, geben mir mindestens genauso viele Rätsel auf, wie die Silikon-Lebewesen, die
sich ihnen entgegenstellen.
Von daher: Ganz, ganz große Empfehlung für diesen Manga.
Allein schon aufgrund der Größe und Qualität würde ich euch auf jeden Fall diese Master
Edition hier ans Herz legen, wenn ihr noch ein bisschen warten könnt, bis denn wirklich alle
Ausgaben erschienen sind und wenn ihr des Englischen mächtig seid.
Ich habe jetzt auch nicht bereut, mir die kleineren Original-Ausgaben gebraucht zu kaufen,
aber ich mein die Bilder kommen hier natürlich viel, viel besser zur Geltung.
Das soll es jetzt gewesen sein mit der neuen Folge von Manga Awesome und Blame!
Ich freue mich jetzt sehr auf den Film, den ich wahrscheinlich schon gesehen habe, wenn ihr
das hier schaut.
Und noch mehr würde ich mich freuen, wenn ihr beim nächsten Mal wieder dabei seid.
Bis dahin, vielen Dank für’s Zusehen und tschüss!