aller Munde.
Millionen Mexikaner träumen von einem besseren Leben in
den USA.
Hundertausende versuchen dafür die Grenze illegal zu
überqueren - viele zahlen das ihrem Leben.
Eine inszenierte Hetzjagd soll Mexikaner von einer Flucht über die Grenze
abhalten.
Ob und wie das funktioniert?
Wir waren dabei.
Mitten in Mexiko.
Diese Männer haben eine Mission: Sie wollen Mexikaner
davon abbringen, die Grenze illegal zu überqueren.
Es wird gefährlich.
Das ist eine Jagd.
Reporter Harro Füllgrabe durchlebt die Gefahren einer illegalen
Grenzüberschreitung.
Überfälle, Drogenschmuggler, Grenzpatrouille.
Wie realistisch ist diese makabre Inszenierung?
Die Grenze zwischen Mexiko und den USA.
3 Tausend 144 Kilometer lang.
Tausende illegale Grenzüberquerungen täglich.
Meist in unzugänglichen Gebieten.
6 Tausend 951 Menschen sind in den letzten Jahren beim Versuch,
die Grenze illegal zu überqueren, gestorben.
Todesursachen: Hitze, Kälte, Schussverletzungen.
Mexiko-City.
Auch David möchte illegal über die Grenze in die USA.
Der 27jährige ist verheiratet, hat einen Sohn
und arbeitet auf dem Bau.
Das Geld ist meist knapp.
Wie geht's?
Gut.
Wie hast Du geschlafen?
Gut.
Aber ich bin schon nervös, weil ich nicht weiß, was mich heute
Abend erwartet.
Reporter Harro und David wollen heute Nacht erleben, wie es ist, die Grenze
illegal zu überqueren.
David ist überzeugt: es wäre besser, Geld für die Familie
in den USA zu verdienen.
Trotz der Trennung.
Was möchtest Du in der Zukunft erreichen?
Wenn ich es schaffe, die Grenze zur USA illegal zu überqueren, kann ich
dort mehr Geld verdienen.
In den USA kann ich mir nach einem Monat ein Auto leisten.
In Mexiko bräuchte ich dafür 2-3 Jahre.
Und auch nur, wenn ich sehr hart arbeite.
Kann sich diese Entscheidung heute Nacht vielleicht ändern - oder wirst
du auf jeden Fall versuchen, die Grenze illegal zu überschreiten?
Ich glaube fest daran.
Ich will es versuchen.
Vorbilder: Davids Cousins.
Sie sind bereits in den USA.
Das Camp was wir heute Abend besuchen soll eigentlich zeigen wie hart,
wie gefährlich, wie realistisch so etwas aussehen kann.
Ob ihn das in irgendeiner Art und Weise nochmal beeinflussen
wird in seiner Entscheidung - das werden wir sehen.
Ich bin auf jeden Fall gespannt, denn ich habe überhaupt gar keine Ahnung,
was uns da erwartet.
Drei Autostunden nördlich von Mexiko City im Bundesstaat Hidalgo liegt
der Parque EcoAlberto.
Hier kann man Schwimmen, Campen, Kanufahren -
mehrere tausend Mexikaner besuchen den Park jedes Jahr.
Bist Du sicher, dass hier die Grenzsimulation stattfindet?
Ich glaub schon.
Wir können ja mal fragen.
Sieht aus wie ein Freizeitpark.
Doch tatsächlich - wir sind hier richtig.
Neben dem launigen Spaßangebot hat der Park seit 12 Jahren auch eine ungewöhnliche
Attraktion zu bieten: Die carminata nocturna.
Wir haben uns gefragt: wie schaffen wir es, eine illegale
Grenzüberschreitung für jedermann erlebbar zu machen.
Wir wollen hier nichts verteufeln und auch niemanden traumatisieren.
Aber wir wollen die Gefahren an der Grenze so realistisch wie möglich
darstellen.
Die Gemeinde Alberto.
2.500 Einwohner.
Weit weg von der Grenze in die USA.
Dennoch leben viele ehemalige Dorfbewohner mittlerweile in den Staaten -
illegal.
Auch Bürgermeister San Pedro Fortunato hat vor vielen Jahren illegal
die Grenze überquert.
Er unterstützt das Grenzsimulation-Projekt des Parks.
Wenn man die Grenze illegal überqueren will, lauern viele Gefahren: Auf
der mexikanischen Seite können dich Polizisten bedrohen und wenn du
ihnen kein Geld gibst, misshandeln sie dich.
Und immer wieder verlieren Menschen auch ihr Leben.
Denn Räuberbanden, Drogenschmuggler und Vergewaltiger lauern
in den Grenzgebieten auf die oft schutzlosen Leute, die versuchen, illegal
in die USA zu kommen.
Hier liegt ein Dorfbewohner, der auf ein besseres Leben in den USA
gehofft hatte.
Leider hat er es nicht geschafft.
Er ist beim Versuch, die Grenze illegal zu überqueren, gestorben.
Jeden Samstagabend treffen sich rund 30 Männer aus dem Dorf auf dem
Parkplatz des Freizeitparks.
Die meisten von ihnen haben die Grenze mindestens einmal illegal überquert.
Sie lassen ihre Erlebnisse für die Parkbesucher wieder aufleben.
Der Mann in der Strumpfmaske übernimmt den Part des Schleusers, des sogenannten Coyoten.
Wir starten, wenn es komplett dunkel ist.
Wir laufen durch Schluchten und Sümpfe.
Kämpfen uns vorbei an giftigen Pflanzen und durch Tunnel.
Wir sind in ständiger Gefahr und werden von Grenzpatrouillen
und Gangstern gejagt.
Hey Leute, kommt mal zusammen.
Gleich geht’s los.
Ich erwarte vollen Einsatz.
Ich will keine Fehler sehen.
Die Nummer soll reibungslos ablaufen.
Wir werden heute einer Gruppe von Menschen zeigen, wie gefährlich eine
illegale Grenzüberquerung ist.
Ich will, dass ihr Euch anstrengt, nur dann bezahl ich Euch auch.
Ansonsten seht ihr keinen Cent.
Habt ihr das alle kapiert?
Harro: Alles dunkel.
Alles ruhig.
Was geht in Dir vor?
Gleich erleben wir, wie es sein soll, die Grenze zu überqueren.
Was hast Du für ein Gefühl?
Ich bin aufgeregt.
Also, ich bin mittlerweile nervös.
Das hätte ich nicht erwartet, wenn ich an den Beginn des Tages denke und gerade bei
diesem ersten Ankommen hier in diesem Fun-Park.
Da hatte ich schon alle Illusionen verloren, dass
es in irgendeiner Weise spannungsaufgeladen werden könnte.
Das hat sich jetzt mit der Dunkelheit geändert.
Für umgerechnet 25 Dollar haben sich Harro und David angemeldet.
Neben neugierigen Mexikanern, die den Nervenkitzel
suchen, soll es immer wieder Teilnehmer wie David geben, die sich hier
verdeckt auf eine echte Grenzüberquerung vorbereiten wollen.
Warum macht ihr hier mit?
Mädel: Wir alle kennen Leute, die illegal über die
Grenze gegangen sind.
Wir wollen wissen, wie es sich anfühlt, wenn
man rüber geht.
Hat jemand von Euch schon mal daran gedacht, die Grenze illegal zu
überqueren?
Oder kann sich jemand vorstellen, es irgendwann mal zu
versuchen?
Nein, weil es bekannt ist, dass man dabei sterben kann.
Viele Mexikaner haben bei dem Versuch, die Grenze illegal
zu überqueren, ihr Leben gelassen.
Aber das heute Nacht ist zum Glück nur ein Abenteuer.
Noch wirkt alles wie ein skurriler Ausflug.
Bevor es losgeht - letzte Worte des Schleusers.
Wenn wir die illegale Grenzüberschreitung heute Nacht simulieren, müsst
ihr eines wissen: Wir machen sie zu Ehren der vielen Mexikaner, die bei
dem Versuch, in die USA zu kommen, gestorben sind.
Ohne Vorwarnung hetzt der Coyote die Gruppe in ein dunkles Waldstück.
Polizeisirenen sind aus der Ferne zu hören.
Das ist im Moment obwohl das jetzt wirklich nur der Anfang ist, hier ist
auch ganz viel Sumpf.
Die Freizeitpark-Besucher sind jetzt gejagte Grenzgänger.
An Orientierung ist nicht zu denken.
Wie bei einer echten Grenzüberquerung sind die Teilnehmer
komplett auf den Schleuser angewiesen.
Wir müssen jetzt auch ganz leise sein.
Ich merke schon noch, auch wenn ich weiß, dass das jetzt nur ein Fake ist,
fühlt sich das schon verdammt echt an.
Der Adrenalinspiegel steigt.
Fühlt sich das für dich realistisch an?
Auf jeden Fall.
Das ist sehr real.
Die erste Herausforderung: ein 10 Meter langer Tunnel.
Nicht besonders eng, nicht besonders lang.
Noch bewegt sich das als Abschreckung gedachte Grenzüberquerungsszenario auf dem Niveau
einer nächtlichen Schnitzeljagd.
Du Schweinehund!
Wo ist dein Geld?!
Geld her!
Plötzlich taucht eine Gruppe junger Männer mit Gewehren auf.
Schüsse fallen.
Ein einstudierter Überfall von Gangstern auf den Coyoten und seine Gruppe.
Ein Szenario, das sich in den echten Grenzgebieten tagtäglich abspielt.
Wenn ich mir vorstelle, dass das tatsächlich so passieren kann, nur dass
es hier Platzpatronen sind.
Reibungslose Festnahmen krimineller Banden wie hier in der Simulation sind
eher die Ausnahme.
Neben Raub und Bedrohung werden die illegalen Grenzgänger oft auch als Drogenkuriere missbraucht.
Verraten und verkauft durch korrupte Schleuser.
Was ist, wenn die Gangster wissen wollen, ob wir mit einem Schleuser
unterwegs sind?
Sag immer, dass du allein bist.
Denn wenn die Gangster deinen Schleuser finden, töten sie ihn.
Und dann bist du ganz allein auf dich gestellt.
Die ersten Teilnehmer kommen an ihre Grenzen.
Für eine junge Frau war der Überfall offenbar zu viel.
Der Coyote-Darsteller hat das bereits am eigenen Leib
erlebt.
Einmal haben Gangster mir eine Pistole an den Kopf gehalten.
Ein anderes Mal haben sie mir ein Messer in den
Bauch gedrückt.
Sie haben mich ausgeraubt und ohne Geld und Kleider zurückgelassen.
Wieder heulen Sirenen auf.
Diesmal setzt eine Grenzpatrouille die Teilnehmer fest.
Kostüme, Blaulicht, Lautsprecherdurchsagen - alles soll so realistisch wie
möglich wirken.
Und alles ist genauestens einstudiert.
Die Teilnehmer werden von den Grenzbeamten der Reihe nach verhört
und abtransportiert.
Das Schauspiel zeigt Wirkung.
Ich bin traurig und frustriert.
Und sehr zornig.
Ich bin entsetzt.
Jemand aus meiner Familie will auch die Grenze in die
USA illegal überqueren.
Ich finde es erschreckend, dass die Leute dabei
wie Tiere behandelt werden.
Die letzten Meter dieser Nacht müssen Harro, David und die restlichen
Teilnehmer mit verbundenen Augen zurücklegen.
Nach knapp vier Stunden, mehreren Kilometern durch unwegsames Gelände,
zwei Überfällen und einer Verhaftung ist die Simulation des illegalen
Grenzübertritts beendet.
Möchtest du immer noch illegal auswandern?
Um ehrlich zu sein: vielleicht doch nicht.
Ich werde erstmal versuchen, mir in Mexiko etwas aufzubauen.
Vielleicht in 10 Jahren.
Der Coyote hat recht, wenn er sagt, dass man in Mexiko immer
weiterkämpfen muss.
Vielleicht kann ich dann auch hier erfolgreich sein.
Mein Ziel ist, dass die Mexikaner nicht mehr dem Traum von einem
besseren Leben in den USA nachlaufen.
Sie sollen alles daran setzen, ihr Leben hier zu führen und hier einen Beruf
zu erlernen.
Das würde unser Land in Zukunft wieder voranbringen.
Und wir würden unsere Wurzeln nicht verlieren.
Es gibt immer noch zu viele politische Schwierigkeiten, zu viele arme Leute so dass dieser Strom illegal
über die Grenze in die USA kommen zu wollen immer noch groß sein wird.
Aber durch so Aktionen wie hier gibt es vielleicht die Hoffnung, dass so was in
Zukunft abnimmt.
Trotz der teilweise intensiven Erfahrung für die Teilnehmer - laut Veranstalter
spiegelt die Simulation gerade mal fünf Prozent der Strapazen einer echten
Grenzüberquerung wieder.