Während der eine kein Geld haben will und nie einkauft, liebt der
andere es zu shoppen - und zwar ausgiebig.
Ein Konsumverweigerer und ein Konsumjunkie.
Wir zeigen wie unterschiedlich die Beiden leben und warum
sie trotzdem Freunde sind.
Seit zehn Jahren sind Marius und Julius gute Freunde.
Und das, obwohl ihr Lifestyle kaum unterschiedlicher sein könnte.
Wie kann das funktionieren?
Marius Diab lebt im Konsumstreik.
Er verzichtet komplett auf Geld.
Aus Prinzip.
Er kauft: nichts.
Ganz anders: sein Kumpel Julius Abrell.
Der ist ein Konsumjunkie.
Das, was er besitzt, hat auch seinen Preis.
Wir begleiten die Beiden einen Tag lang und vergleichen: Wie leben sie?
Und wie stehen sie zum Geld?
Während Julius vom Shoppen nicht genug kriegt... ist Marius komplett gegen Konsum.
Er gibt gar kein Geld aus.
Weder für Kleidung noch für Essen.
So wie es sich jetzt entwickelt hat, das war es damals noch nicht.
Es ist erst gekommen als er so ja ungefähr 20
war.
Aber wie lebt man so ganz ohne Geld?
Wir besuchen Marius.
60 Kilometer von München entfernt.
Er lebt zwischen Hopfenfeldern - auf einer Fläche, die er -
natürlich kostenlos - von Bauern bekommen hat.
Hier baut er Obst und Gemüse an.
Einen Teil davon gibt er an die Leute ab, die
in der Nähe wohnen.
Den Rest darf er für sich behalten.
Für Obst und Gemüse zahlt Marius also schon mal nichts.
Dafür gibt’s aber auch nur, was auf dem Feld so wächst.
Ja ich find es viel sinnvoller den Apfel direkt vom Baum zu pflücken,
als erst irgendwie Geld zu verdienen und dann in Supermarkt zu
gehen und einen Apfel von weit her aus Neuseeland oder sonst
woher zu kaufen.
Ja ist total unnötig.
Die Äpfel wachsen hier.
Neben dem Feld hat Marius seine Küche.
Ganz ohne Strom und fließend Wasser.
Selbgebaut und für umme - klar.
Strom brauch ich eigentlich selten.
Also klar geh ich auch mal an den Computer, ins Internet.
Aber da geh ich halt woanders hin und das muss auch nicht jeden Tag sein.
Die meiste Zeit offline?
Was für uns ein komplettes Desaster ist, ist für Marius
halb so wild.
Wenn er ins Internet will oder sich telefonisch mit Freunden
verabredet, geht er in ein naheliegendes Bauernhaus.
Ganz schön umständlich.
Ganz anders mitten in München - der teuersten Stadt Deutschlands.
Hier besuchen wir Marius' Kumpel Julius in seiner Wohnung.
Er ist das krasse Gegenteil.
Das merken wir schon am Eingang: ein Paar Schuhe neben dem anderen
Ich hab sie jetzt nicht gezählt, will ich auch ehrlich gesagt nicht.
Es kommt nicht auf die Zahl drauf an.
Wenn der Platz nicht mehr reicht dann weiß ich, dass sie zu viel sind.
Wollen wir rein gehen?
Julius‘ Hobby: shoppen.
Und zwar viel.
Hier z.B. das hab ich mir letztens erst gekauft, als ich auf dem
Heimweg war.
Das hat mir recht gut gefallen von der Mellierung und
dem weichen Stoff.
Ansonsten ein schlichtes T-Shirt.
Vieles in seinem Kleiderschrank hat er sich mal eben im Vorbeigehen gekauft:
meist hängt sogar noch das Preisschild dran.
Da hab ich noch genau die Lederjacke.
Die hab ich mir auch letzte Woche gekauft, die fand ich ganz schick und
aber auch noch nicht getragen.
Muss ja auch den richtigen Anlass finden.
Auch in Sachen Technik will Julius immer das Neuste.
Die Deutschen kaufen sich im Schnitt alle sechs Jahre einen neuen
Fernseher.
Julius ist da schneller.
Ich hab erst mal drei andere Fernseher bestellt und getestet und
eingestellt und rumgetan und waren doch immer Kleinigkeiten, die
mir nicht gefallen haben und im Endeffekt wurde es dann der, mit
dem ich sehr zufrieden bin.
Julius selbst findet nicht, dass er konsum süchtig ist.
Er shoppt einfach gern - vor allem online.
Und wenn ihm etwas nicht gefällt, schickt er es wieder zurück.
Stören ihn die vielen Kartons nicht?
Es nervt mich schon immer wieder, dass sie darum stehen aber mei
das ist halt eine Übergangszeit und da muss ich mich entscheiden,
was ich behalt, was ich zurück schick und dann sind sie auch wieder
weg - irgendwann.
Aber dieses Hin-und Herschicken hat ihm beim ein oder anderen Internet-Shop
auch schon Ärger eingehandelt.
Ja einmal gab‘s einen Vorfall, da hab ich bei einem Online Händler
recht viel gekauft und dementsprechend auch teilweise zurück
geschickt.
Und die haben mich daraufhin mich scheinbar gefragt in
einer Email, warum ich denn so viel zurück schick.
Die hab ich überlesen die mail und hab nur noch mehr
zurück geschickt als Antwort.
Und daraufhin haben sie mich dauerhaft gesperrt und da
kann ich jetzt nichts mehr kaufen.
Vom größten Online-Händler bekommt er also schon mal nichts mehr.
Wie Julius wohnt, wissen wir jetzt.
Aber wie lebt man so ganz ohne Geld?
Konsumverweigerer Marius zeigt uns, wie er wohnt.
Und darauf ist er ziemlich stolz:
Ja das ist meine Jurte, die hab ich selbst gebaut aus Materialien, die
sonst auf dem Müll gelandet wären oder irgendwo verstauben
würden, teilweise recycelt oder upgecycelt.
Hier z.B. das Holz vom Türrahmen.
Das war mal ein Hochbett, da hab ich mal einen Container entdeckt vor einem Hostel.
Die wollten 160 Betten wegwerfen und die hab ich dann alle gerettet.
Marius findet es sinnvoll, bereits produzierte Waren wiederzuverwerten statt sie
wegzuwerfen.
Eineinhalb Jahre hat er an der Jurte gebaut.
Die komplette Einrichtung stammt entweder von Freunden,
ist Second Hand oder vom Sperrmüll.
Er lebt also von dem, was andere gekauft haben, aber jetzt nicht
mehr haben wollen.
Ja der Boden, der besteht hier aus lauter so Tortenstücken.
Das ist deswegen, damit der mobil ist und ich bin
jetzt auch schon einmal damit umgezogen.
Schön und gut - im warmen Sommer.
Aber wir sehen hier nur einen kleinen Holzofen und eine Tür aus Stoff.
Wie lebt es sich hier drin im Winter?
Da war es schon sehr kalt teilweise.
Da bin ich schon recht durchfroren morgens aufgewacht.
Damit es diesen Winter wärmer wird, hat er mit Schafwolle zur Dämmung und
einer stabilen Tür vorgesorgt.
Marius‘ Lifestyle ist - sagen wir mal - ungewöhnlich.
Wir wollen wissen, ob das schon immer so war.
Deshalb besuchen wir seine Familie.
Die lebt in einer ganz normalen Wohnung und kauft ganz normal ein.
Marius‘ Mutter verrät uns: Es ist also so, dass er in der Kindheit ganz
normal war, wie alle Kinder auch wie alle anderen Kinder auch und
dass er so 16,17 war, da hat man dann gemerkt, dass er sich Gedanken
macht über die Umwelt über die Gesellschaft und dass er
sich ein bisschen anders entwickelt als seine Kameraden vielleicht.
Seine Mutter und sein Bruder stehen voll und ganz hinter Marius.
Auch wenn sie sich ein Leben in einer Jurte ohne Geld
und ohne Strom nicht vorstellen können.
Und wenn Marius vorbeikommt, braucht er da ab und zu vielleicht nicht
doch etwas?
Also Geld eigentlich so gut wie gar nie.
Lebensmittel geb ich im schon manchmal.
Ich kauf ihm so natürlich Bio-Produkte und dann
geb ich ihm schon ein bisschen was mit.
Aber es ist jetzt nicht so, dass ich ihm Säcke weise Essen mitgebe, sondern
ja wie es eine andere Mutter auch machen würde einfach so
ein paar Kleinigkeiten was ich so da hab.
Also er kommt nicht hier hin und sagt hier: Mama
ich hab nen großen Rucksack mach mir den mal voll.
So nicht, sondern ein paar Sachen, wenn ich was da hab
dann geb ich es ihm mal mit.
Zurück in der Münchner Innenstadt bei Konsumjunkie Julius.
Der will heute mal so richtig shoppen gehen, neue Sneaker dürfen
natürlich nicht fehlen.
1540 Milliarden Euro geben wir Deutschen pro Jahr für Konsum aus.
Ja, jetzt war ich eh gerad in der Stadt und dann dachte ich mir
Schuhe mal direkt vor Ort an, und dann auch anprobieren natürlich,
ob es passt oder nicht.
Muss ich nicht drei Paar bestellen und wieder zwei zurück schicken.
Im Schnitt gibt Julius jeden Monat 600 Euro für Konsum aus.
Ist das nicht übertrieben?
Wenn ich zufrieden mit meinem Kauf bin, ist eigentlich kein Geld,
was man dafür ausgibt zu viel.
Allein heute shoppt Julius für insgesamt 255 Euro.
Auch Marius braucht neue Klamotten und will in die Stadt.
Aber wie shoppt er ohne Geld?
Und vor allem: Wie kommt er ohne Geld von A nach B?
Ein Problem, das Marius häufiger hat, wenn er
Freunde in der Stadt treffen will.
Seine Lösung: trampen.
Also die meisten Autos fahren ja mit freien Plätzen durch die Gegend
und viele Leute fahren ja auch allein.
Im Schnitt es 1,3 Personen pro Fahrzeug und ich find es eigentlich ziemlich
sinnvoll, wenn ich dann einfach mitfahre und wir uns die Fahrt teilen
und zwar auch natürlich Ressourcen verbrauchen dadurch.
Aber zumindest nur halb so viel im Schnitt.
Zum Trampen braucht man viel Geduld.
20 Minuten wartet Marius jetzt schon Tja, ah der hält!
Hoffentlich fährt das Auto auch in die richtige Richtung!
Marius hat Glück, alles passt.
Während solcher Fahrten kommt Marius meist ins Gespräch mit den Fahrern
und erzählt, wie er lebt.
Und wie findet der Fahrer das?
Ja ich find es beeindruckend.
Das ist auch ein gewisser Teil von Disziplin sowas durch zu halten.
Ich selber achte schon auch, dass ich so möglich wie es geht wegwerfe bzw.
überflüssige Sachen Einkauf.
Aber so krass wie du des machst also, könnt ich selber
wahrscheinlich nicht.
In München angekommen, sieht die Shopping-Tour bei Marius etwas anders
aus als bei seinem Kumpel Julius: Er geht in sogenannte Umsonst - Läden.
Wie der Name sagt, kosten die Dinge hier nichts.
Alles ist gespendet.
Aber alles wurde auch mal bezahlt.
Wie passt das mit seiner Einstellung zusammen, nicht
zu konsumieren?
Klar wurden die Sachen irgendwann mal mit Geld gekauft, aber es
geht ja nicht darum, dass ich Geld irgendwie verteufel, sondern es
geht darum, dass wir einfach im wahnsinnigen Überfluss leben und
viel zu viel Zeug in der Mülltonne landet und das hier ist eine
Möglichkeit, die Sachen vor der Mülltonne zu retten.
Klamotten hat Marius zwar nicht gefunden, dafür Kerzen.
Wenn Marius schon mal in der Stadt ist, versucht er auch Lebensmittel zu
besorgen.
Bei speziellen Vereinen gibt es gespendete Lebensmittel - für
umsonst.
Aber die Ausbeute heute ist eher mau.
Ja also im Verteiler kann man nicht erwarten, dass hier alles prall
gefüllt ist.
Wenn es leer ist, ist es eigentlich ein gutes Zeichen.
Weil es heißt, dass es hier hoch frequentiert
ist und ich hab gehört, dass gestern noch alles voll war und wenn es leer
ist, ist doch super.
Weil die Umsonst-Lebensmittel heute ein bisschen dürftig ausgefallen sind und
Marius Hunger hat, macht er sich auf die Suche nach etwas zu essen.
Seine Idee ist eher ungewöhnlich...
Marius: Hallo Tschuldigung, dass ich störe.
Ähm ich wollte fragen, ob Sie noch aufessen oderE
Mann: Sorry.
I Marius: Do you speak English?
Mann: Do you want this?
Marius: Yeah if you don’t eat it any more.
Wow thank you very much.
Du willst nichts mehr?
Leute im Restaurant nach ihren Essensresten fragen?
Für uns befremdlich.
Aber Marius freut sich.
Man muss ja nicht alles gleich wegschmeißen.
Ich hab jetzt hier eine halbe Pizza für mich und vielleicht hab ich die
beiden Menschen auch zum Nachdenken gebracht und vielleicht
bestellen sie das nächste Mal weniger oder sie bieten einfach
irgendjemandem auf der Straße eine Pizza an, kann man ja auch
machen.
Am Abend besucht Marius noch seines Kumpel Julius in seiner Werkstatt.
Eine Freundschaft trotz so unterschiedlicher Lifestyles - wie kann das gehen?
Ja also ich schätz den Julius sehr als Menschen ich kenn ihn ja auch
schon echt lang.
Aber sein Kaufverhalten macht mir schon Sorgen.
Ich find das sehr krankhaft.
Aber ja wir haben schon viel zusammen erlebt, wir haben zusammen auch Nächte durchgemacht
und es hat sehr viel Spaß einfach gemacht.
Und was hält Julius von Marius‘ extremer Lebensweise?
Leben und leben lassen.
Und ich seh das als großes Abenteuer für ihn, was er jetzt da vor sich hat und ja mei
er arbeitet jetzt auch.
Es ist ja nicht so, dass er nicht arbeitet.
Er muss ja für alles arbeiten, für sein Essen, sein Haus muss er in Stand halten,
derzeit muss er den Verschluss manchen für sein Fenster.
Also der ist da auch gut beschäftigt.
Auch wenn die beiden Freunde ziemlich unterschiedlich sind und in Sachen
Konsum völlig anders ticken - sie respektieren einander.
Denn: wahre Freundschaft ist eben unbezahlbar.