den maximalen Effekt dieser - so viel kann ich schon mal vorweg nehmen - großartigen
Geschichte erleben wollt, dann macht jetzt am besten jetzt dieses Video aus, holt euch direkt Band
1 und lasst euch überraschen von dieser aberwitzigen Monster Slash Psycho-Thriller Slash Horror-Comedy-Story.
Aber kommt danach bitte wieder und schaut euch trotzdem das Video an, damit ich das hier alles nicht
umsonst gemacht habe… heute geht es um Hitoshi Iwaakis Parasyte!
Gleich vorweg: Parasyte bietet ein paar reichlich verstörende Bilder, falls ihr also mit Blut,
Gedärm und, ähm, Körperverformungen nichts anfangen könnt: Besser wegschauen.
Bisher sind in Deutschland die ersten vier Bände von Parasyte erschienen, ich habe mir
hier die letzten vier Ausgaben auf Englisch ergänzend angeschafft, um die komplette Geschichte
beurteilen zu können.
Ursprünglich erschien Kiseijuu, wie es im japanischen Original heißt, zwischen 1988
und 1995.
In Parasyte geht es - große Überraschung - tatsächlich um Parasiten, die sich in Form
von einer Art Blüten quer über die Welt verteilt haben und Menschen infizieren, um
ihre Gehirne zu fressen und ihre Köpfe und damit auch Kontrolle über ihre Körper zu
übernehmen.
Dabei haben die Parasiten ein Ziel: Die Population der Menschheit zu reduzieren.
Der junge Schüler Shinichi wird ebenfalls von einem Parasiten befallen, der über seine
Hand zum Gehirn will, das dank Shinichis schnellem Eingreifen aber nicht schafft und nun fortan
als separate Entität in seiner rechten Hand wohnt.
Sein Name ist Migi, das japanische Wort für “rechts”.
Und das ist auch schon der simple, aber unheimlich effektive Setup von Parasyte, aus dem dieser
Manga unheimlich viel macht.
Meine erste Assoziation bei der Übernahme von Menschen durch die Parasiten und auch
durch die recht derbe Darstellung von Gore und Splatter war John Carpenters Das Ding
aus einer anderen Welt.
Diese Verbindung wurde im weiteren Verlauf nur noch deutlicher, wenn die Parasiten unter
den Menschen untertauchen und die Identität und Motivation bestimmter Charaktere in Frage
gestellt wird.
Im Gegensatz zu Das Ding ist Parasyte aber keine reine Horror-Story.
Zwar wird hier eine dramatische Geschichte erzählt, die das Menschsein und die Auswirkung
des Menschen auf die Erde im Vergleich zu anderen Lebewesen erforscht und die Folgen
erörtert, aber gerade in den ersten Bänden gibt es auch eine ganze Mengen schwarzen Humor.
Shinichi und muss hier nämlich seine rechte Hand ganz neu kennen lernen, so falsch das
auch klingt…
Migi nimmt zwar rasant Wissen auf und lernt mehr über die Natur seines Wirts, Konflikte
sind aber natürlich vorprogrammiert.
Vor allem, wenn die beiden auf andere Parasiten treffen, wird es schnell brenzlig und Kämpfe
brechen aus, mit denen Shinichi zu Beginn so gar nicht klar kommt.
Verständlich bei den bizarr verformten Wesen, denen er hier gegenübersteht und die Menschen
als Nahrung zu sich nehmen, was teils zu extrem brutalen Szenen führt.
Wie Shinichi mit Migi umgeht, wie sich die Gesellschaft um sie herum verändert und wie
die Menschheit mit den Parasiten klar kommt oder eben gerade nicht klar kommt- darum geht
es in Parasyte.
Gleich auf den ersten Seiten wirft Parasyte die Frage auf, ob die Erde ohne die Menschen
oder mit zumindest deutlich weniger Menschen nicht besser aufgehoben wäre.
Hier bekommt die Menschheit aus dem Nichts plötzlich einen sehr, sehr mächtigen
Fressfeind - nun könnte man meinen, dass diese Geschichte dadurch eine sehr misanthrope sei,
das stimmt aber nur teilweise, so wie auch die Parasiten die Menschen nicht
vollständig verachten oder so, sie verstehen nur einfach bestimmte Aspekte des Menschseins nicht.
Und wissen zum Beispiel nicht, was denn nun so schlimm daran sein soll, wenn unter mehreren Millionen oder Milliarden ein paar Tausende
sterben sollten.
Das klingt alles auch ein wenig wie die bekannte Öko-Message, dass der Mensch unserem Planeten
nur Schaden zufügt - und die haben Leser 1988 sicher noch nicht so häufig gehört
wie heute.
In einem kurzen Schlusswort am Ende der englischen Ausgabe des achten Bands sagt Iwaaki sogar
selbst, ihm sei es später ein wenig unangenehm gewesen, dass sein Manga mit genau dieser
Message beginnt.
Dabei finde ich das völlig in Ordnung, weil Parasyte sehr viel daraus macht und meine
Erwartungshaltung ob dieses Einstiegs untergräbt.
Viel mehr geht es in Parasyte nämlich auch um Empathie und um das, was den Menschen zum
Menschen macht, wie wir auf Bedrohung reagieren, wie wir uns anpassen - die Parasiten dienen
da teilweise auch einfach als Spiegel und das finde ich einfach sehr faszinierend.
Vollkommen unabhängig davon erzählt Parasyte aber auch einfach eine richtig gute Monster-Story
mit sehr vielen Body-Horror-Elementen, Psycho-Thriller-Anleihen, wenn sich als Mensch getarnte Parasiten Shinichi
nähern und die Bedrohung von gefühlt überall kommen kann, wirklich gutem, teils herrlich
finsterem Humor und immer besser werdenden Kämpfen gegen immer wahnsinnigere Parasiten.
Zwar ist der Zeichenstil für alles andere in diesem Manga sehr austauschbar und wenig
markant, aber die Parasiten selbst sind einfach großartig designt.
Das beginnt bereits bei den sehr prägnanten Cover-Artworks, die ganz gut zeigen, wie die
Parasiten den Grat zwischen aberwitzig und verstörend laufen.
Sie sind definitiv angsteinflößend, wenn sie sich zu Klingen formen und wie ein Messer
durch Butter Menschen zerschneiden.
Aber sie sind eben gleichzeitig auch wahnsinnig komisch und ich mag diesen Kontrast unheimlich
gern.
Außerdem gefallen mir die kleinen Details dieses Mangas, wenn Shinichi etwa wechselnde
Shirts mit zur Situation passenden Begriffen trägt oder wie subtil die charakterliche
Veränderung von sowohl Shinichi als auch Migi dargestellt wird oder wie der Manga dafür
sorgt, dass meine eigene Wahrnehmung der anfangs so eindimensionalen Parasiten sich nach und
nach verändert.
Neben der oft sehr flachen Optik erlaubt sich Parasyte auch noch ein paar andere kleine Schnitzer.
Ab und zu wird hier nämlich einfach zu viel hintereinander erklärt, da bricht Migi schon mal gern in einen Seiten
langen Monolog aus, damit möglichst viel Exposition aus ihm heraussprudeln kann und
ich auch ja verstanden habe, wie die Parasiten funktionieren - das hätte man einfach deutlich geschickter
lösen können.
Auch die Sidestory um Shinichis Freundin Satomi dreht sich einige Kapitel lang nur
im Kreis, aber das sind alles wie gesagt sehr kleine Mängel in einer sonst sehr packenden Geschichte.
Interessant finde ich auch das Detail, dass 2005 wohl mal eine Realfilm-Umsetzung von
New Line Cinema geplant war in Kooperation mit den Jim Henson Studios und mit Don Murphy
als Produzent.
Erneut: Wenn ich an Das Ding denke, könnte ich mir auch für Parasyte eine Adaption mit
praktischen Effekten und Puppeneinsatz sehr gut vorstellen - leider wurde daraus aber
wohl nichts.
Was nicht heißen soll, dass keine Adaptionen dieser Geschichte existieren: Natürlich gibt
es auch zu Parasyte eine Anime-Adaption von Madhouse und sogar eine zweitelige japanische
Realfilm-Reihe von Regisseur Takashi Yamazaki.
Ich habe aber weder den Anime noch die Filme gesehen, kann da also keine Aussagen zur Qualität
treffen.
Parasyte hat mir wirklich unheimlich viel Spaß gemacht.
Diese Geschichte hat ein wahnsinnig gutes Tempo drauf und ist mit ihren acht Bänden
auch schön kompakt, so dass es wenige bis gar keine Längen gibt.
Und es hat auch noch ein sehr rundes Ende - ich war hier sehr zufrieden, als ich mit dieser Story fertig war.
Ich kann euch diesen Manga also wirklich nur ans Herz legen und würde euch empfehlen, einfach
mal den ersten Band zu holen, da werdet ihr sehr schnell feststellen, ob das etwas für euch ist.
Es ist ja doch eine recht eigenwillige Geschichte mit diesen Körper verformenden Parasiten. Ich kann sie euch wie gesagt wirklich nur empfehlen.
Das soll es gewesen sein mit dieser Folge von Manga Awesome, vielen Dank für’s Zusehen!
Ich würde mich freuen, wenn ihr beim nächsten Mal wieder dabei seid. Bis dahin Aufwiedersehen, tschüss!