Hier in diesem unscheinbaren Gebäude entsteht seit Jahrzehnten pures
Adrenalin.
Etliche Teile warten hier auf ihren Einsatz.
Über 30 Rutschen gehen jedes Jahr in die ganze Welt.
Besitzer und Rutschenpapst Hendrik Wiegand dagegen begnügt sich mit der
hauseigenen!
„Das ging ja ganz schön ab.
Ja die ist jetzt mit vier Metern nicht besonders hoch, ich denke dass wir da in Zukunft
die 100 Meter sogar knacken können.“
Und sie sind nah dran, denn heute eröffnet mit 178 Metern die längste
Tunnelrutsche der Welt - das aktuell größte Projekt der Rutschenmacher.
Seit Februar sind die Arbeiter im Londoner Olympiapark im Dauereinsatz -
genau wie der deutsche Projektleiter Markus Rudolph.
„Wir sind gerade in den letzten Zügen, schauen wir mal, dass alles
funktioniert.
Wir machen gerade die letzten Polycarbonat Abdeckungen
drauf, die letzten Vorbereitungen werden getroffen.“
178 Meter Rutsche, 23 einzelne Stahlteile.
Sie alle entstehen hier - in Rasdorf.
„Hier sind wir in der Fertigung der Kinderrutschbahnen und in dem
Bereich den wir hier sehen sind die Wasserrutschbahnen und hier die
Kinderrutschen.“
Ja genau - richtig gehört: mit 78 Metern Höhe gehört die spektakuläre Rutsche
immer noch zu den Kinderrutschen - ab acht Jahren darf hier später jeder
runter.
Die letzten Teile für die Rutsche in London werden fertig gemacht - nächste
Woche steht die TÜV Prüfung an, bis dahin muss alles fertig sein.
Trotz des weltweiten Erfolgs entstehen alle Rutschen in Rasdorf - aus Tradition.
Hendrik Wiegand ist mit seinen Rutschen groß geworden.
„Die erste richtige Rutsche an die ich mich erinnern kann, das war eine
Steilrutsche, 60 Grad nach unten, und wir hatten so was noch nie gebaut
und haben das zur Probe aufgestellt in der Halle und dann standen da
oben alle und haben gesagt, wer zuerst, das war eine richtige Mutprobe
wir sind dann aber alle runtergerutscht, es hat auch richtig Spaß gemacht.
Das waren damals vielleicht acht Meter.“
Der neuste Clou des Rutschenbauers: 78 Meter Höhe - eingebaut in eine 115
Meter große Stahlskulptur.
Doch noch ist die Rutsche nicht eröffnet.
Ein Mann hat da das letzte Wort: Benjamin Sperlich, Rutschenexperte vom TÜV
Thüringen.
Denn die deutsche Rutsche wird natürlich auch von einem deutschen
TÜV abgenommen - und das mitten in London.
Für den Prüfer eine besondere Aufgabe.
„So eine lange Trockenrutschbahn gibt es nirgends und das ist natürlich
auch für mich das erste Mal, dass ich so was überprüfen kann.
Das hat schon einen sehr hohen Stellenwert, keine
Standardprüfung die wir heute hier machen.“
Trotz aller Begeisterung - hier geht es nur um eines: Sicherheit.
„Die Rutschenteile sind ineinander gesteckt, von außen hat man jetzt die
Schweißnaht aber von innen wurde gar nichts verschweißt, das heißt ich
haben nur den leichten Übergang und da muss ich dann hinterher
schauen ob dieser Übergang schön rund ist oder ob’s da irgendwelche
scharfen Kanten gibt wo sich die Nutzer den Popo aufreißen können.“
Den haben sich die Rutschenbauer schon aufgerissen.
Seit Oktober wird in Rasdorf „Rutsche“ am laufenden Band produziert.
23 einzelne Blechteile sollen am Ende eine 178 Meter lange und 78 Meter
hohe Rutsche ergeben.
Das Besondere: der Cabrio-Effekt.
Heißt: die Röhre ist an drei Stellen oben durchsichtig und soll den Blick auf London
frei geben.
Eine hauseigene Spezialität.
Wer denkt, Rutschebau sei einfach, irrt.
„Die Schwierigkeit ist, dass es passt, wir haben ja nur eine
Blechkonstruktion die Dreidimensional verformt ist, die wahrsinnig viele
Schweißnähte hat, das gibt es immer Schweißverzug, muss man vorher
auch entsprechend berücksichtigen und alles planen.
Und es steckt dann doch etwas Know-How dran, dass die Rutsche
die oben losgeht auch an der Stelle unten ankommt wo sie soll.“
Schweißverzug heißt, dass das Metall etwas schrumpft.
Bei einer so hohen Rutsche fatal.
Dafür braucht man Know How.
Und das kommt nicht von ungefähr.
Alles fängt 1962 an.
Josef Wiegand hat zwei Leidenschaften: Skifahren und
Rodeln!
Deswegen baut er in Hessen den ersten Skilift.
Der Winter ist ein Erfolg - der Sommer dagegen ein Minusgeschäft.
Josefs Idee: eine Sommernutzung für die Lifte.
Es ist die Geburtsstunde der weltweit ersten Sommerrodelbahn und der Beginn
einer außergewöhnlichen Unternehmensgeschichte.
Heute ist die Firma Weltmarktführer.
Und sie verkauft ihre Sommerrodelbahnen, Wasser- und Tunnelrutschen überall
hin - immer auf der Suche nach der Rutsche der Zukunft.
Dieser Erfindergeist macht auch jetzt London um eine Attraktion reicher.
115 Meter Stahlkoloss standen schon - hier rein musste eine Rutsche mit zwölf
Loopings - spektakulär auf engem Raum, die Spezialität der Hessen: Genau
das zeichnet sie aus.
Diese 50 Manschetten halten die zwölf Tonnen Rutsche in Position.
Nicht nur die Planung war hier Millimeterarbeit.
Jedes Teil und jede Schraube wurde per Hand hochgebracht und festgeschraubt
- und das in schwindelerregender Höhe von bis zu 80 Metern.
„Ja es hängt und es war doch ein großer Kraftakt das ganze einigermaßen
im Zeitplan hier reinzubekommen.“
Damit es später die Rutsche runter geht, muss der TÜV Prüfer mit der Fahrstuhl
erstmal rauf.
Mit Höhe kennt er sich aus - uns dagegen wird schon allein beim
Ausblick schon schwindelig...
Benjamin Sperlich hat fast alle Rutschen der deutschen Firma geprüft.
Unter der Besucherplattform des Turms liegt der Start der Rutsche - noch ist
hier Sperrzone und Baustelle.
„Hier wird noch gearbeitet.
Was wird jetzt hören sind die Makrolon Blenden die gerade aufgezogen werden.
Wir haben ja von draußen die Arbeiter gesehen, die sind mit der Steige
ran und zieht diese Plexiglasscheibe auf die Rutsche drauf und
das ist jetzt genau das Geräusch was wir jetzt hören.“
Scheiben einbauen in 80 Metern Höhe - nicht die einzige Herausforderung.
„Das ist der Start, der nur angeheftet worden ist, der ist noch nicht
durchgeschweißt, man hat ihn jetzt nur positioniert.
Der muss dann nur entsprechend verschweißt werden.
Das wird jetzt als Mangel aufgenommen werden.“
Von außen ist die Rutsche gecheckt - fehlt nur noch die Rutschpartie.
Aber solange daran gearbeitet wird, darf selbst der TÜV Prüfer nicht rein.
Der kleinste Fehler ist bei so einer Höhe lebensgefährlich.
Aber dann geht’s plötzlich schnell; der Bauarbeiter ist gerade mit dem
Schweißen fertig geworden.
Der Start ist jetzt fest verschweißt und fertig für die erste Rutschpartie.
„Manchmal nimmt man diese Mängel auf und fünf Minuten später wurden
sie plötzlich schon behoben.“
Der Start ist soweit fertig - aber wie überprüft man eine Rutsche mit 34 Prozent
Neigung?
Gerutscht wird später mit einer Matte - das ist besser für den Hintern.
„ Die Jungs und Mädels setzen sich hier rein und dann ziehen die sich an
den Handweehls so ein bisschen nach vorne und dann geht’s ab die
Post.“
„Das mach ich jetzt auch, nur ohne Post.
Bei mir geht das ganz ganz langsam jetzt.
Das ist wirklich Arbeit.
Das Rutschen an und für sich da würde ich mich wirklich freuen, das langsame
durchgehen und das kontrollieren das ist wirklich Arbeit.“
„Er kommt sehr schlecht voran, dadurch kann er relativ leicht bremsen,
wenn er sich einfach mit dem Poppes ein Stück zurücksetzt.
Die Matte des Prüfers bremst durch das raue Material automatisch ab.
Langsam, halt dich schön am Seil fest.“
„Bremst gut, sonst würde ich hier voll abgehen.“
Die Bahn soll um die 30 Kilometer pro Stunde Spitze schaffen - der TÜV Prüfer
dagegen könnte einen Weltrekord in Langsamkeit aufstellen.
„Oh, hier haben wir schon was.
Hier haben wir ja schon was.
Hier müssen noch die Plexiglas Scheiben verfugt werden.
Da gehört noch eine Silikonfuge rein.“
Eigentlich soll eine Rutschpartie nur 40 Sekunden dauern - Rekord für eine
Tunnelrutsche!
Der TÜV Prüfer braucht aber über anderthalb Stunden - er ist aber auch auf der
Suche nach letzten Mängeln.
„War ganz schön warm in der Rutsche.
Dunkel war’s, an vielen Stellen.
Große Mängel hab ich jetzt nicht erkennen können.
Ein paar Kleinigkeiten die abgearbeitet werden müssen so wie im
Vorfeld erhofft.
Ja hat sich bestätigt.
Das muss dann noch gemacht werden dann können auch die
ersten Leute durch die Rutsche wirklich rutschen.“
Doch noch wird hier kräftig gearbeitet.
Nach monatelanger Arbeit ist es dann auch endlich soweit.
Was so eine Rutsche aus Hessen kostet, ist geheim.
Die Besucher aber zahlen 22 Pfund - knapp 29 Euro.
Und das für 40 Sekunden Adrenalinkick.
„Das war echt super!
Das ist wirklich eine einzigartige Rutsche.
Das gibt es kein zweites Mal.“
Die längste Tunnelrutsche der Welt in London - „made in Germany“.