es heute mal ein bisschen ruhiger angehen. Heute geht's nämlich zurück auf die Schulbank und das ganz
ohne übernatürliche Ereignisse: In der neuen Folge Manga Awesome geht es um Yoshitoki Oimas A Silent Voice!
In gerade mal sieben Bänden erzählt Autorin Yoshitoki Oima die Geschichte von Shoya Ishida
und Shoko Nishimiya, zwei ungleichen Kindern, deren Beziehung zueinander zunächst außerordentlich
schwierig ist.
Shoya ist nämlich ein Draufgänger, ein Tunichtgut - und vor allem ein Bully.
Und Shoko ist ein zurückhaltendes, höfliches Mädchen und ein Neuzugang in Shoyas Grundschul-Klasse
- und zudem taub.
Für die Schüler ist der Umgang mit ihrer Taubheit eine große Herausforderung.
Shoko soll nämlich in eine gewöhnliche Schule integriert werden.
Um mit den anderen Kindern zu kommunizieren, nutzt sie ein Notizheft, da hier niemand die
Gebärdensprache beherrscht.
Der erste Band von A Silent Voice erzählt, wie Shoko Nishimiya an ihre neue Schule kommt,
wie sie zunächst aufgenommen wird, aber auch wie ihre Mitschüler nach und nach genervt
davon sind, nur über ihr Heft mit ihr kommunizieren zu können, wie sie im Chor beim Musik-Unterricht
aufgrund ihres fehlenden Rhythmusgefühls stört, wie sie nicht so recht reinpassen will,
Folglich wird sie getriezt, beleidigt, gemobbt, allen voran von Shoya.
Das zu lesen fiel nicht leicht, weil es sehr ungeschönt, sehr echt dargestellt wird.
Und auch, weil das alles aus der Sicht des Bullys passiert: Ich erfahre Shoyas Gedanken,
kriege mit, wie er im Wesentlichen nur gegen die Langeweile kämpft und wie ihm sein Fehlverhalten
auch nach Unterhaltungen mit dem Lehrer nicht wirklich klar wird.
Umso mehr Mitleid empfand ich für Shoko, die die ganze Zeit nur einsteckt und sich
entschuldigt.
Diese Dynamik sollte sich aber bald ändern, denn Shoyas Mobbing ist trotz kindlicher Amoralität
der Auslöser für seine eigenen Unsicherheiten und Probleme, die da noch kommen sollen.
Die hier bereits im ersten Band dargestellten Schulsituationen wirken sehr real, die Probleme,
die die Kinder beim Umgang mit Shokos Taubheit haben sind sogar halbwegs nachvollziehbar.
Währenddessen versuchen Lehrer und Eltern aus ihrer eigenen Perspektive, richtig zu
handeln.
Und ja, natürlich kann man hier beim Lesen sauer auf die Kinder werden, aber die wissen
es in dem Moment nicht besser und machen sich kaum Gedanken über die Folgen, die ihre Stänkereien
bei ihren Opfern haben.
A Silent Voice legt hier einen beeindruckend starken Start hin: Nach Band 1 hatte es mich
direkt - ich wollte wissen, wie sich Shoya und Shoko nach dem Zeitsprung, der ab Band 2 stattfindet
als junge Erwachsene wieder begegnen, wie sie sich verändert haben und ob der Manga dabei
das hohe erzählerische Niveau halten kann, das hier im ersten Band etabliert wurde.
Und so viel kann ich schon mal verraten: Ja, kann er.
Auch wenn oder gerade weil es dabei thematisch nicht die ganze Zeit so schwierig zugeht
wie hier am Anfang.
A Silent Voice kann auch verdammt leichtherzig sein und findet etwa mit Charakteren wie Nagatsuka
oder Yuzuru Protagonisten, die immer wieder für einen Lacher gut sind, dabei aber nicht
zu Comic Relief mutieren, sondern nach wie vor wie echte Personen wirken, die sich im
Laufe der Story entwickeln.
Gerade Yuzuru, Shokos Schwester, ist mir da sehr ans Herz gewachsen, weil sie auf sehr
glaubhafte Art und Weise mit der Taubheit ihrer Schwester umgeht.
Und auch Shoko selbst wird nicht nur durch ihre Behinderung charakterisiert, obwohl die
Taubheit zu einem zentralen Story-Element wird, das viele Aspekte des Alltags um ihre
Familie und Freunde herum beeinflusst.
Es wird aber auch zu genau dem: Alltag.
Und dann ist sie nicht einfach nur das taube Mädchen, sondern die junge Frau, die über
sich hinaus wachsen muss, sich ihre eigenen Fehler eingesteht und an ihrer schweren Vergangenheit wächst.
Das Geschehen wird übrigens nicht die ganze Zeit aus Shoyas Perspektive dargestellt, sondern
wechselt auch ab und zu auf andere Charaktere, was zu ein paar der besten Kapiteln führt.
Überhaupt ist der Erzählfluss vorbildlich: Sehr kompakt und ohne Längen begleite ich
hier eine Gruppe von Schülern auf dem Weg zu ihrem Abschluss und durch die Probleme,
die unterwegs dabei entstehen.
Sogar ein bisschen zu kompakt: Gerade Shoyas Mitschüler Miki oder Mashiba hätten noch
weiter ausgearbeitet werden können.
Immerhin umgeht Oima in ihrem Coming of Age-Manga größtenteils Story-Klischées typischer
Teenager-Dramen und das obwohl der Nährboden dafür durchaus vorhanden wäre.
Ich hätte noch tiefergehende Einblicke in die Gedankenwelt von Shoko interessant gefunden:
So muss immer jemand bei ihr stehen und laut aussprechen, was sie über Gebärdensprache gerade
mitteilt, was nicht immer natürlich wirkt, aber ganz gut darstellt, wie etwa ein Freundeskreis
um eine gehörlose Person herum funktioniert, wenn nicht jeder die Gebärdensprache beherrscht.
Durch Mimik und Gestik wird zudem oft genug auch ohne Worte sehr viel gesagt - Shokos
Blicke sprechen da manchmal Bände.
Und, ich mein, andererseits ist es ja auch ein wenig der Punkt dieser Geschichte, dass
Shoya und ich mit ihm nicht immer weiß, was in Shokos Kopf vorgeht - Kommunikation wird
so zum Schlüssel dieser Beziehung.
Inwiefern Shokos Gehörlosigkeit realitätsnah dargestellt wird, konnte ich beim ersten Lesen
aus mangelnder Erfahrung nicht wirklich beurteilen.
Es wirkte alles glaubhaft und geerdet, ein Eindruck, der sich bestätigte, als ich online
nach Eindrücken zum Manga und auch zum Anime u.a. von Gehörlosen selbst suchte und mich weiter über die Behinderung
oder etwa zur Gebärdensprache informierte.
A Silent Voice ist wirklich ein beeindruckendes Werk.
Es stellt Mobbing dar, ohne die Bullies zu dämonisieren, sondern ergründet stattdessen
die Ursachen und Folgen und konfrontiert die Peiniger mit den Gefühlen ihrer Opfer. Aber
vor allem auch mit ihren eigenen Gefühlen.
Es zeigt, wie die Inklusion einer Gehörlosen scheitern kann und welche tiefgreifenden Auswirkungen
das hat, zeigt aber auch , wie es funktioniert und wie normal so etwas wie Taubheit
eigentlich ist.
Zur Charakterisierung nutzt dieser Manga zudem geschickt sein Medium.
Ich liebe etwa die Darstellung durchkreuzter Gesichter aus Shoyas Perspektive oder wie
etwa mittendrin die Welt aus Sicht von Shokos Augen bzw.
Ohren dargestellt wird.
Abgesehen davon gefällt mir vor allem die Darstellung von Mimik, während sonst der
Stil eher unauffällig ist.
2016 erschien in Japan wie bereits angedeutet eine Anime Film-Adaption des Mangas, noch im September 2017 bringt
der Kazé Anime-Vertrieb A Silent Voice in einige deutsche Kinos.
Zum Schluss noch ein kleiner Fun-Fact: In einem Interview mit Kodansha Comics sagte
Autorin Oima, dass die Idee, die Geschichte auch mal aus einer anderen Perspektive zu
erzählen und den Hauptcharakter in den Hintergrund rücken zu lassen u.a. von ihrem Lieblingsspiel
Chrono Trigger inspiriert wurde, in dem es eine ähnliche Situation gibt. Das musste ich einfach hier noch unterbringen. ;)
Ich möchte euch A Silent Voice wirklich ans Herz legen: Mich hat dieser Manga bewegt und
berührt und er hat mich dazu gebracht, mich mehr mit dem Thema der Taubheit auseinanderzusetzen.
Zudem sind mir die Isihidas und Nishimiyas und ihre Freunde wirklich ans Herz gewachsen und auch
wenn der Manga ihr Ende so ein bisschen offen lässt, kann ich mir doch selbst ganz gut
ausmalen, was mal aus ihnen allen wird.
Das soll es für diese Folge gewesen sein von Manga Awesome und A Silent Voice (das ihr euch wirklich holen solltet)
Ich bedanke mich für’s Zusehen, würde mich freuen, wenn ihr beim nächsten Mal wieder dabei seid
und natürlich auch wenn ihr uns auf Patreon.com/hooked unterstützt
denn nur dadurch ist uns das hier alles überhaupt erst möglich. Vielen Dank dafür,
bis zum nächsten Mal und tschüss!