Für Jugendliche in Deutschland bedeutet das: Freiheit.
Endlich nicht mehr abhängig sein von den Eltern.
Eigene Wohnung, keine Vorschriften mehr, kommen und gehen wann man will.
In Indien ist man mit 18 zwar auch volljährig, aber trotzdem haben hier die Eltern noch das
Sagen.
Mit Freundinnen shoppen gehen – ODER im Skatepark abhängen.
Auf den ersten Blick zwei ganz normale Jugendliche.
Doch der 18-jährige Aman muss seine Beziehung verheimlichen.
Und für Bhakti suchen ihre Eltern schon bald einen Ehemann aus.
Bangalore: Das Silicon Valley Indiens im Süden des Landes.
Etwa 12 Millionen Menschen leben hier.
Zwischen Moderne und Tradition.
In Indien lebt immer noch rund ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutgrenze.
Doch die Mittelschicht wächst, vor allem in den Großstädten.
Die 18-jährige Bhakti hat sich mit ihren Freundinnen verabredet.
Wie die meisten Jugendlichen der indischen Mittelschicht studiert sie.
Doch zur Zeit sind Ferien und die Mädchen nutzen die Zeit, um shoppen zu gehen.
Kaufangebote gibt es reichlich, aber im Unterschied zu Deutschland können die jungen Frauen nicht
alles anziehen, was ihnen gefällt.
„Was haltet ihr davon?“
„Zeig mal.“
“Sieht gut aus!”
„Ich würde hier keinen Rock tragen.
Die Leute schauen einen dann komisch an.
Sie wollen nicht, dass Mädchen in kurzen Sachen rumlaufen.“
In Indien müssen Frauen Beine und Schultern immer bedeckt halten.
Kurze Röcke und armlose T-Shirts gelten als zu aufreizend.
Ihre Freizeit verbringt Bhakti mit ihren Freundinnen.
Einen festen Freund hat sie nicht.
„Wir sind alle Single.
Auf das Singleleben.“
„Meine Eltern finden Dates nicht ok.
Sie wollen, dass ich mich aufs Studium konzentriere.
Vielleicht mit 23 oder 24.“
Anders als in Deutschland suchen in Indien die Eltern den Partner für die Kinder aus.
80 Prozent der Ehen sind arrangiert.
Bald suchen auch Bhaktis Eltern einen Mann für sie.
Die 18-jährige und ihre Freundinnen sind zwar noch Single, doch von ihrer Hochzeit
träumen sie schon jetzt.
„Das ist ein wunderschöner Saree.
Den würde ich liebend gern auf meiner Hochzeit tragen.
Ist er nicht schön?“
„Du siehst gut darin aus.“
Bhaktis Eltern haben hohe Ansprüche an den zukünftigen Ehemann ihrer Tochter: Die gleiche
Religion, die gleiche Kaste, gut ausgebildet und wohlhabend.
Andere Männer kommen nicht in Frage.
„Sie würden mir nie erlauben, einen Muslim zu heiraten.
Er sollte wenigstens Hindu sein.
Ich würde nie gegen den Willen meiner Familie handeln.
Wir haben unser ganzes Leben mit der Familie verbracht.
Ich würde das nie für eine Person aufgeben.
Und man weiß nicht mal, ob die Beziehung ewig hält.“
Bald werden Bhaktis Eltern ihr verschiedene Männer vorstellen.
Auch wenn die Ehe arrangiert ist, darf die 18-jährige mitentscheiden, wen sie heiratet.
„Mein Traummann sollte groß sein, dunkel, attraktiv.
Er muss auf jeden Fall groß sein.
Ich glaube, dass wollen wir alle.“
Ein paar Kilometer weiter treffen wir den 18-jährigen Aman.
Statt zu studieren, hat er gegen den Willen seiner Eltern direkt nach der Schule angefangen,
in einem Cafe zu arbeiten.
„Kann ich Ihnen noch was bringen?“
„Ein Glas Wasser.“
„Und für Sie?“
Im Gegensatz zu Bhakti ist Aman in einer festen Beziehung.
In jeder kleinen Pause schreibt er seiner Freundin Tharika.
Vor seiner Familie musste der gläubige Hindu sie lange Zeit geheim halten.
„Ich musste meiner Mutter vorsichtig unterbreiten, dass ich mit einer Christin zusammen bin.
Aber ich will definitiv selbst entscheiden, wen ich heiraten will.
Vor allem die Ehe ist eine sehr persönliche Entscheidung.“
Mittlerweile tolerieren die Eltern die Beziehung.
Aman will sein Leben selbst in die Hand nehmen.
Umgerechnet 300 Euro verdient er mit der Arbeit im Café.
Für einen Arbeitsanfänger ein gutes Gehalt in Indien.
Sein großes Ziel: in ein paar Jahren möchte er sein eigenes Café eröffnen.
Mittagspause.
Heute ist Dienstag, das heißt, der 18-jährige darf nur vegetarisch essen.
„In der Hindu-Kultur haben wir einen Tag, an dem wir uns nicht die Haare schneiden und
kein Fleisch essen dürfen.“
In Indien gibt es neben Hindus auch viele Moslems und Christen.
Jede Religion hat dabei ihre eigenen Regeln, was den Fleischkonsum angeht.
Auch für Bhakti ist das beim Snack zwischendurch eine Herausforderung.
„Ich darf kein Rind essen.
In ihrer Religion darf man kein Schwein essen, aber in ihrer Religion ist Schwein eine Delikatesse.“
„Ja, das essen wir am meisten.“
Eine Speise, die sie alle mögen, ist Pani Puri.
Kleine Teigbällchen, die mit einer Mischung aus Kartoffeln, Gewürzen und Chilliwasser
gefüllt werden.
Ein beliebter indischer Snack.
„Das kleckert wie verrückt.“
Ein letzter Bissen, dann ist die Shoppingtour für heute beendet.
Denn Bhakti hat noch einen Termin.
Die 18-jährige trainiert Mixed Martial Arts, eine Kombination verschiedener Kampfsportarten.
Mit dem Bus macht sie sich auf den Weg zu ihrem Kurs.
Bhakti setzt sich in den vorderen Teil des Busses - hier sitzen die Frauen.
In indischen Bussen sitzen Männer und Frauen strikt getrennt.
Die Frauen sollen sich sicherer fühlen und nicht Opfer von Belästigungen werden.
„Ich war selbst noch in keiner beängstigenden Situation.
Aber manchmal, wenn ich armlose Tops oder kurze Hosen anhabe, werde ich von Männern
angestarrt.
Im Frauenbereich passiert das nicht.
Da fühle ich mich sicherer.“
Auch in der Schule sitzen Mädchen und Jungs meist für sich.
Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit ist in Indien Alltag.
Aman hat für heute Schluß.
Jetzt ist er mit seiner Freundin Tharika verabredet.
Zu seinem 18.
Geburtstag hat er einen Roller bekommen.
Anders als in Deutschland fährt der 18-jährge ohne Helm.
Erwischt die Polizei ihn, muss er aber nur zwei Euro Strafe zahlen.
Gefährlich bleibt es trotzdem.
„Hi Baby“ Jeden Nachmittag holt Aman seine Freundin
ab.
„Viele Leute müssen sich verstecken und draußen treffen.
Wir müssen das nicht...“
„Wir haben zum Glück entspannte Eltern, die es ok finden, dass wir in einer Beziehung
sind.“
Aman und Tharika sind seit zwei Jahren ein Paar.
Kennengelernt haben sie sich auf der Party eines Freundes.
Sie verbringen fast jede freie Minute zusammen.
Einer ihrer Lieblingsorte: der nahegelegene Skatepark.
Hier treffen sich die Jugendlichen.
Im Gegensatz zu Deutschland ist Skateboardfahren in Indien erst seit etwa zehn Jahren populär.
„Stell dich einfach drauf.
Das rollt von allein.“
„Ich halte dich.“
Hier auf dem Skateplatz können Aman und Tharika unbefangen miteinander umgehen.
Doch das ist nicht überall so.
„Wenn man in der Öffentlichkeit Händchen hält, sich küsst oder sogar umarmt, zieht
man böse Blicke auf sich.
Wir haben uns schon in der Öffentlichkeit geküsst, wir müssen das aber heimlich machen.
Die Leute in Indien haben eine andere Einstellung.
Sie blicken auf einen herab, wenn man so etwas in der Öffentlichkeit macht.“
Auch Sex vor der Ehe ist in Indien immer noch ein Tabu.
Gesprochen wird darüber nur hinter verschlossenen Türen, auch in der jungen Generation.
„Hattet ihr schon Sex oder wartet ihr bis nach der Hochzeit?
„Also, ich glaube nicht an Sex vor der Hochzeit.
Aber ... es spielt eigentlich keine Rolle.
Es hängt von beiden Partnern ab, und was sie fühlen.“
Aber ob die beiden schon Sex hatten, sagen sie uns nicht.
Für Bhakti stellt sich diese Frage noch nicht.
Aber um nicht Opfer von sexuellen Übergriffen zu werden, trainiert die 18-jährige Kampfsport.
„Ich wollte immer schon stark sein.
Also habe ich gedacht, ich mache Kampfsport.
Anfangs fand ich es merkwürdig, eines von nur wenigen Mädchen zu sein.
Aber jetzt komme ich schon so lange hierher.
Es ist ok.“
Ungewöhnlich für Indien: Bhakti trainiert in einer Gruppe von Männern.
So kann sie sich besser auf einen eventuellen Ernstfall vorbereiten.
„Gut, besser – aber mit mehr Kraft.
Und schneller.“
Trainer Nischal unterstützt, dass Frauen in seine Kurse kommen.
„Nicht viele Frauen machen Selbstverteidigung.
Wir lassen die Mädchen nicht raus aus dem Haus.
Aber ich denke, sie sollten alle raus kommen und es lernen.
Es hilft ihnen, physisch und mental stärker zu werden.“
„Eins, zwei, kreuzen.“
Selber hat Bhakti noch keine brenzlige Situation erlebt.
Aber sie hält es für besser, vorbereitet zu sein.
„Vor sieben Monaten hatte ich noch nicht das Selbstbewusstsein, nachts herum zu laufen.
Jetzt habe ich es.
Ich bin stark genug, mich selbst zu verteidigen.“
Bhaktis Eltern wollen trotzdem nicht, dass sie nachts allein draußen herumläuft.
Sie muss jeden Abend um 22 Uhr zuhause sein.
Heute besucht sie vorher eine Party.
Aman hat keine Ausgangssperre.
Doch er muss am nächsten Tag wieder arbeiten.
Freundin Tharika muss ebenfalls früh zuhause sein.
Ihre Eltern erwarten sie, bevor es dunkel wird.
Der 18-jährige lebt mit seinen Eltern und seinem Bruder in einem Vorort von Bangalore.
Wie die meisten jungen Inder wohnt er noch zuhause.
Erst nach seiner Hochzeit zieht er in die eigenen vier Wände.
„Hi Aman.“
„Was machst du?“
„ Abendessen.“
Amans Eltern wissen von seiner Beziehung mit Tharika.
Anfangs waren sie dagegen.
Doch mittlerweile haben sie sich daran gewöhnt.
„Sie ist ein nettes Mädchen.
Ich habe auch ihre Mutter kennen gelernt, eine gute Frau.
Ich will für meine Kinder einfach einen Partner, der sie liebt und sich um sie kümmert.“
Die Eltern des 18-jährigen akzeptieren, dass er seinen eigenen Weg gehen will.
Keine Selbstverständlichkeit in Indien.
Für seine Zukunft hat Aman konkrete Pläne.
„In zehn Jahren sind meine Freundin Tharika und ich verheiratet und wir haben unser eigenes
Restaurant und eine Familie.“
Ein ehrgeiziges Ziel.
Doch mit der Unterstützung seiner Familie hat Aman die besten Voraussetzungen, das zu
erreichen.
Szenenwechsel.
Die Party ist in vollem Gange.
Bhakti und ihre Freundinnen treffen sich regelmäßig in Bars oder Clubs.
Im Gegensatz zu Deutschland beginnen Parties hier schon um 19 Uhr.
Alkohol kann sie mit ihren 18 Jahren nicht kaufen.
Den bekommt man in Indien erst mit 21.
Doch Bhakti hat ältere Freunde, die ihr hin und wieder ein Getränk organisieren.
„Ich darf eigentlich keinen Alkohol trinken.
Meine Eltern wollen vor allem nicht, dass mich andere Leute aus unserer Familie betrunken
sehen.
Ich glaube, sie sagen das, nicht weil sie sich um mich Sorgen machen, sondern weil sie
sich sorgen, was andere Leute denken.“
Auch auf die Gefahr hin, dass ihre Eltern es erfahren, trinkt Bhakti heute trotzdem
Bier.
Doch dann ist es für die 18-jährige Zeit zu gehen.
Es ist bereits 22 Uhr und obwohl sie volljährig ist, erwarten sie ihre Eltern wie jeden Abend
pünktlich zuhause.
Der 18.
Geburtstag bedeutet in Deutschland Freiheit, anders als in Indien.
Hier wohnt ein Großteil der jungen Erwachsenen noch Zuhause, die Partner müssen von den
Eltern genehmigt werden und Sex vor der Ehe ist Tabu.
Aber auch hier macht sich die Jugend langsam, aber sicher selbstständig.
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